Winterkonzert des Sinfonischen Musikschulorchesters Sachsen-Anhalt

Bekanntermaßen können Ferien auf unterschiedliche Weise verbracht werden und es gibt unzählige verlockende Freizeitangebote. Zu den besonders herausragenden gehören die Orchesterproben des Sinfonischen Musikschulorchesters Sachsen-Anhalt für junge Musiker. Und so hatten sich auch in diesen Winterferien musikbegeisterte Schülerinnen und Schüler für eine musikalische Probenwoche im Schloß Altenhausen angemeldet – und es waren so viele wie noch nie. Wie der Geschäftsführer des Landesverbandes der Musikschulen Sachsen-Anhalt Dr. Christian Reineke ausführte, wurde fast die Zahl 100 erreicht, was einem großen bedeutenden Sinfonieorchester der hohen Kategorie A, wie bspw. Staatskapelle/Opernorchesterverbund Halle/Saale, entspräche. Festzustellen war auch, dass immer mehr Mädchen zu Instrumenten greifen, die lange Zeit als Domäne des Männlichen angesehen wurden, wie bspw. Trompete und Schlagzeug.

Die Mühen, aber auch die Freude an den wiederum von zahlreichen Tutoren durchgeführten Arbeitsphasen in einzelnen Gruppen und zusammenfassenden Gesamtproben, führten wieder zu einem fulminanten Abschlusskonzert in der Johanniskirche der Landeshauptstadt Magdeburg.

Sowohl der Minister für Kultur und Chef der Staatskanzlei Rainer Robra als auch der Präsident des Landesmusikrates Sachsen-Anhalt Gerhard Miesterfeldt und die stellvertretende Vorsitzende des Landesverbandes der Musikschulen Sachsen-Anhalt Ulrike Stumpf-Schilling waren gekommen, um dem musikalischen Erfolg der jungen Musikanten nach einer Woche intensiver Probenarbeit ihren Beifall zu spenden. In seinem Grußwort der Landesregierung Sachsen-Anhalt dankte Rainer Robra den Lehrkräften an den Musikschulen und den Privatmusiklehrer*innen für ihre qualitätvolle Unterrichtstätigkeit, die zu solch beeindruckenden musikalischen Leistungen führe, wie sie am heutigen Tag zu erleben seien. Dabei ging er auch auf die derzeitige Diskussion um die verfügte Einstellung der Studiengänge für Instrumental- und Gesangspädagogik (IGP) an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ein, die mit Schließung des Musikinstituts und der Musiklehrerausbildung von der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg im Jahr 2012 nach Halle verlagert worden waren. Lehrkräfte aus Halle seien in Sachsen-Anhalt kaum zu finden, hochqualifizierte Musiklehrkräfte kämen bspw. aus Leipzig oder Dresden, Weimar oder Berlin nach Sachsen-Anhalt und Stellenausschreibungen erfolgten auch an den Musikschulen inzwischen international, so dass eine argentinische Lehrkraft eben auch den authentischen Tango vermitteln könne.

Nun stand zwar auf dem Konzertprogramm das Werk eines argentinischen Komponisten, doch zunächst tauchte das glänzend besetzte Sinfonieorchester in die subtile Klangfarbenwelt der spätromantischen Musik an der Schwelle zum Impressionismus ein. Orchesterleiter und Dirigent Alexander Ramm hatte die jungen Sinfoniker mit der großen Weltliteratur der Musik bekannt gemacht. Und durchaus ebenbürtig den großen sinfonischen Ensembles musizierten die Mädchen und Jungen eindrucksvoll und mit höchstem Engagement. Bereits der erste Blick auf die aufgebauten Orchesterinstrumente mit zwei Harfen, voller Streicher- und Bläserbesetzung sowie Schlagwerk ließ Klangpracht erwarten. Ebenso auffällig standen zwei kleine Kontrabässe zwischen den großen. Der jüngste Spieler war neun Jahre und der älteste Orchestermusiker zwanzig Jahre alt. Umso bedeutsamer, bereits früh die Orchesterspielpraxis und Interpretationskunst großbesetzter sinfonischer Werke zu erproben.

Zwei umfängliche zyklische Werke bestimmten die beiden Programmteile vor und nach der Pause. Beide waren ursprünglich als Bühnenmusiken konzipiert und wurden anschließend zu Orchestersuiten umgeformt. Mit Pelléas et Mélisande griff der französische Komponist Gabriel Fauré das kurz zuvor in Paris uraufgeführte Liebesdrama des symbolistischen Dramatikers Maurice Maeterlinck auf. Alexander Ramm webte mit den jungen Musikanten ein filigranes Gewebe der Instrumentenstimmen. Flöten- und Oboenmelodien glitzerten auf und verwoben sich mit den Streichern zu einem raumfüllenden Klanggemälde. Leises Pianissimo und pastöses Fortissimo gaben der orchestralen Klangfarbenregie die nuancierte Eleganz. Musik beginnt dort, wo Worte nichts zu sagen vermögen.

Die Peer Gynt Suite von Edvard Grieg gehört zumindest in Ansätzen zu den bekannteren Werken. Inspiration gab dem um 1860 am Leipziger Konservatorium ausgebildeten Protagonisten einer norwegischen Nationalmusik das später zum Schauspiel umgearbeitete dramatische Gedicht von Henrik Ibsen. Peer Gynt ist ein junger Trunkenbold, der mit Fantasiegeschichten der Welt zu entfliehen sucht, dabei von Macht, Reichtum und Frauen träumt. Auch hier gelang es dem Sinfonischen Musikschulorchester unter dem Dirigat von Alexander Ramm ebenso gekonnt die romantischen Farbvalenzen der Partitur zum Klingen zu bringen wie den auch manchmal holzschnittartigen Charakter der musikalischen Zeichnung geradezu herauszumeißeln, wofür die bekannte Morgenstimmung und In der Halle des Bergkönigs genannt seien.

Nachdem die Harfe zwölf Stundenschläge zur mitternächtlichen Geisterstunde erklingen lassen hat, setzt der Komponist Camille Saint-Saens zum infernalischen Danse macabre an. Ebenfalls nach Vorlage eines Gedichtes entstanden, vereinen sich hier viele musikalische Einzelstimmen der Instrumentalgruppen zum teuflischen Walzertanz der Knochengerippe, unterstützt vom holzklappernden Xylophon und angeführt vom Geige spielenden Tod höchst selbst. Doch ist es keine normal klingende Geige, sondern eine scordierte: Die e-Saite wird einen Halbton tiefer gestimmt. Mit weicher Klanglichkeit und dunkel gefärbtem Geigenton meisterte Tjada Böhm den Kontrast auf dem „verstimmten“ Instrument – und mit dem Hahnenschrei der Oboe zu Tagesbeginn ist der nächtliche Spuk vorbei.

Hauptinstrument des argentinischen Musikers, Bandleaders und Tango-Komponisten Aníbal Troilo war das aus Deutschland nach Südamerika eingeführte Bandoneon. Bei dem für Orchester arrangierten La Trampera entfachten die Musikanten ein Feuerwerk lateinamerikanischer Rhythmik und Musizierfreude, die sich im anschließenden Musikepos der Filmmusik von John Williams zu Star Wars fortsetzte. Auch wenn mit der Episode I die dunkle Bedrohung filmmusikalisch inszeniert wurde, war doch sehr viel Spaß der musikalischen Akteure im Spiel, bis hin zum eigenen vokalen Begleiten und quasi schauspielerischen Agierens zum Instrumentenspiel. Mit wuchtigen Klängen der filmischen Musikszenerie à la Hollywood gingen ein beeindruckendes Konzert und zugleich eine ereignisreiche musikerfüllte Ferienwoche der jungen Musiker und Musikerinnen zu Ende. Begeistert spendete das Publikum in der bis auf den letzten Platz gefüllten Johanniskirche in Magdeburg herzlichen Beifall. Die Zugabe fiel mit der Kinofanfare verblüffend kurz aus – jedoch verständlich nach den auch enormen physischen Anstrengungen eines solchen Mammutkonzertes, bei dem die großartigen Einzelleistungen der Jugendlichen gemeinschaftlich zum überzeugenden Erfolg der Gesamtinterpretation beitrugen.

PD Dr. phil. habil. Rüdiger Pfeiffer