Winterkonzert 2019 des Sinfonischen Musikschulorchesters Sachsen-Anhalt in der Johanniskirche Magdeburg

PD Dr. phil. habil. Rüdiger Pfeiffer

Wieder war es ein musikalisches Erlebnis der Superlative: Die Magdeburger Johanniskirche gab den klangvollen Raum für das Winterkonzert des Sinfonischen Musikschulorchesters Sachsen-Anhalt. Als Dirigent Alexander Ramm den Taktstock hob, blickten sage und schreibe 76 junge Musiker und Musikerinnen gebannt auf den Spieleinsatz für den Drei-Achtel-Auftakt des charakteristischen Motivs, mit dem eines der furiosesten und zugleich beliebtesten Werke der konzertanten Violinliteratur anhebt. Bereits im nachfolgenden Takt stellt der Komponist Pablo de Sarasate die Violine in den Mittelpunkt seiner „Zigeunerweisen“ op. 20, die er im Stil eines feurigen Csárdás arrangierte. Mit sattem Ton brachte Tjada Böhm die g-Saite ihrer Violine zum Klingen, auf der sich die Passagen der langsamen Einleitung abspielen, ehe es sich zum furiosen Höhepunkt des „Allegro molto vivace“ mit höchsten Anforderungen violinistischen Spielvermögens und Orchesterkultur steigert. Souverän ließ Solistin Tjada Böhm die gebundenen und spiccato gespickten Skalenläufe und Kadenzen brillant aufklingen, meisterte die rasanten Wechsel zwischen natürlichen und künstlichen Flageoletts sowie zwischen Bogenstrichen und Pizzicati der linken Griffhand. Es erklang ein glanzvolles Meisterwerk, bei dem ihr Können die Register der hohen Kunst der virtuosen Spieltechnik mit Bravour zur Geltung bringen konnte.

Somit kann es kaum verwundern, dass die junge Violinvirtuosin bei den vor den Winterferien durchgeführten Regionalwettbewerben „Jugend musiziert“ die höchste Punktzahl und die Weiterleitung zum Landeswettbewerb Sachsen-Anhalt erlangt hat – und das nicht nur auf der Violine, sondern auch im Klavierspiel als Duobegleiterin der Fagottistin Magdalena Stock. Der Weg zum großen Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ dürfte gebahnt sein.

Schaut man sich die Namensliste der jungen Mitwirkenden im Sinfonischen Musikschulorchester Sachsen-Anhalt an, so fällt auf, dass sich unter ihnen viele Preisträger und Preisträgerinnen des Wettbewerbs „Jugend musiziert“ befinden. Doch solistisches und kammermusikalisches Spiel ist das Eine – Zusammenspiel im Orchesterapparat das Andere. Und so konnte Dr. Christian Reineke, Geschäftsführer des Landesverbandes der Musikschulen Sachsen-Anhalt e.V., in seiner Begrüßung nach der obligatorischen Eurovisions-Fanfare aus dem „Te Deum“ von Marc-Antoine Charpentier erfreut mitteilen, dass die Nachfrage zur Mitwirkung stetig steigt und auch die Konzertplätze in der Johanniskirche Magdeburg lange im Voraus ausgebucht waren. Auch mdr-Sachsen-Anhalt heute hatte einen Beitrag über die Probenwoche auf Schloß Altenhausen in der Börde gesendet. Über die öffentliche Aufmerksamkeit freute sich ebenfalls Landtagspräsidentin Gabriele Brakebusch, die die Jugendlichen zu ihren musikalischen Leistungen beglückwünschte und weiterhin die Förderung der Landesregierung zusicherte. Dr. Reineke konnte noch verkünden, dass sich am Konzerttag der Förderverein des Sinfonischen Musikschulorchesters Sachsen-Anhalt gegründet hat und dass im Orchester drei Austauschschüler aus drei Ländern – Kolumbien, Finnland und Spanien – mitwirken.

Ein besonderer Dank ging an die zehn Tutoren, die gemeinsam mit Dirigent Alexander Ramm als Instrumentalexperten den jungen Musikern und Musikerinnen beim Erarbeiten der Einzelstimmen der Partitur für die jeweiligen Instrumente und Stimmgruppen mit Rat und Tat zur Seite standen. Die Orchestermitglieder dankten vom Konzertpodium aus ihren Mentoren auf spezielle Weise.

Der nächste Programmpunkt führte in die Wiener Klassik. Mit der Sinfonie D-Dur op. 24 erklang ein Werk des aus Böhmen, dem „Konservatorium Europas“, stammenden Jan Václav Voříšek, der im Wien zur Zeit Beethovens und Schuberts Karriere machte, allerdings früh verstarb. Seine stilistisch von der Klassik in die Romantik weisende und am sinfonischen Schaffen des befreundeten Beethoven orientierte Sinfonie verlangte abgestimmtes Wechselspiel der Violinen und Violoncelli sowie der Passagen der Holzbläser, insbesondere der Querflöte. Die zwischen hellen, luftigen und düster umnachteten wechselnden Stimmungen schwankenden Abschnitte wussten die Instrumentengruppen emotional nachzuzeichnen und dem Publikum zu vermitteln.

Alexander Ramm versteht es eine Werkauswahl zu treffen, die zum einen gleichermaßen die jüngsten wie die bereits erfahreneren Musikanten im orchestralen Spiel fordert und stilistisch voranzubringen vermag und die zum anderen die Gestaltung eines ansprechenden Programms für das Publikum ermöglicht.

Nunmehr war kunstgemäße nordische Folklore angesagt. Ähnlich wie Pablo de Sarasate bei den ungarischen „Zigeunerweisen“, fand Max Bruch seine melodische Inspiration in bereits gedruckten Notensammlungen. Ursprünglich für Violine und Klavier komponiert, schuf Max Bruch alsbald eine Orchesterfassung der Schwedischen Tänze op-63, die seinem instrumentalen Farbenhören entsprach. Und so konnten die einzelnen Stimmgruppen des Orchesters ein farbenreiches Wechselspiel entfalten und die unterschiedlichen Nuancierungen von Begleit- zu Hauptstimmen erfahren, zumal die Melodie häufig in der instrumentalen Mittellage erklingt und entsprechend hervorzuheben ist.

Das rhythmische Feuerwerk der „Cuban Overture“ von George Gershwin führte in die tänzerischen Gefilde der karibischen Rumba. Es war die Sternstunde der Percussion-Spieler mit ihren Bongos, Maracas, Guiro, Claves und Xylophon, die den Konzertsaal geradezu in einen mitschwingenden Tanzsaal verwandelten. Für mitteleuropäische Kulturtraditionen komplizierte rhythmische Konstellationen des Mit- und Gegeneinander waren im Orchesterspiel zu akzentuieren und dabei auch noch klangschön zu gestalten. Ein mitreißender Wirbel musikantischer Freude, die sich von den Musikern auf die Zuhörer übertrug.

Mit dem „Corral Nocturne“ aus den Tanzepisoden „Rodeo“ von Aaron Copland, in denen er amerikanische Volks- und Gebrauchsmusik der Cowboys und Cowgirls des „Wilden Westens“ aufgriff, ließen Fagotte und Oboen eine zarte Liebesmelodie aufklingen, die vom Orchester behutsam begleitet wurde.

Danach strebte das Konzert umso fulminanter zum Finale. Andrew Lloyd Webbers „Phantom der Oper“ gab die Möglichkeit, noch einmal alle Register der unterschiedlichen Instrumentengruppen mit ihren Klangfarben und Spieltechniken zum Klingen zu bringen.

Tosender Beifall in dem bis auf den letzten Stuhl besetzten Konzertsaal der Johanniskirche Magdeburg für ein musikalisches Erlebnis der Spitzenklasse sowohl für die aktiv Mitwirkenden wie für das Publikum. Spiellaune und Musizierfreude beherrschten das Konzert im sinfonischen Zusammenspiel der jungen Musker und Musikerinnen höchster Qualität. Nun geht es erst einmal wieder in die Schule und zu den weiteren Wettbewerben „Jugend musiziert“. In den nächsten Ferien heißt es dann: Auf ein Neues!